Ulrich Schneider, Lebenshelfer bei Lebenswege Niederösterreich Süd, über ein stilles Warnsignal unserer Zeit
In vielen Gesprächen fällt mir ein Muster immer häufiger auf: Menschen sprechen beinahe ausschließlich über ihren Job. Über Termine, Druck, Verantwortung, Kolleg:innen, Erwartungen. Auf den ersten Blick wirkt das engagiert, leistungsbereit, vielleicht sogar bewundernswert. Aus psychologischer Sicht lohnt sich jedoch ein genauerer Blick.
Arbeit ist für viele weit mehr als ein Mittel zum Lebensunterhalt. Sie wird zur Identität. Wer ständig über den Job spricht, spricht oft über sich selbst – über den eigenen Wert, die eigene Daseinsberechtigung. In einer Gesellschaft, die Leistung stark belohnt, lernen wir früh: Ich bin etwas, wenn ich etwas leiste.
Hinter dem dauernden Reden über Arbeit steckt nicht selten ein Bedürfnis nach Anerkennung. Ein inneres Fragen wie: „Reicht das, was ich tue?“ oder „Wird gesehen, was ich leiste?“ Besonders dort, wo Wertschätzung fehlt oder Unsicherheit mitschwingt, wird Arbeit zum wichtigsten Gesprächsthema.
Oft ist es auch ein Zeichen von Stress. Gedanken kreisen, Abschalten fällt schwer, selbst in Pausen bleibt der Kopf im Berufsmodus. Für viele Menschen ist das der Normalzustand geworden – dabei ist es ein klares Signal innerer Überlastung. Wer gedanklich nie wirklich wegkommt, zahlt langfristig einen hohen Preis.
Manchmal dient der Job auch als Schutz. Über Arbeit zu sprechen ist sicherer, als über Einsamkeit, Beziehungsprobleme oder innere Leere zu reden. Arbeit wird dann zur Mauer, hinter der Gefühle verborgen bleiben. Nicht aus Unwille, sondern aus fehlender Sprache für das, was eigentlich bewegt.
Natürlich gibt es auch die andere Seite: Menschen, die ihre Arbeit wirklich lieben. Leidenschaft ist nichts Negatives. Entscheidend ist jedoch, ob neben der Arbeit noch Raum bleibt – für Beziehungen, Interessen, Erholung, für das eigene Menschsein jenseits von Leistung.
Ein einfacher Prüfstein in Gesprächen ist oft die Frage:
„Was tut Ihnen außerhalb der Arbeit gut?“
Bleibt diese unbeantwortet oder wird ausgewichen, lohnt es sich, innezuhalten.
Als Lebenshelfer bei Lebenswege Niederösterreich Süd begegne ich täglich Menschen, die funktionieren – und dabei sich selbst aus dem Blick verlieren. Unser Anliegen ist es, wieder einen Zugang zu schaffen: zu Bedürfnissen, zu Gefühlen, zu einem Leben, das mehr ist als Aufgaben und Pflichten.
Arbeit darf wichtig sein. Sie sollte aber nicht das Einzige sein, worüber wir sprechen können. Denn hinter jedem Job steht ein Mensch – und dieser Mensch braucht mehr als Leistung, um gesund und lebendig zu bleiben.
Verfasser: Ulrich Schneider von Lebenswege