Alle reden von Selbstfürsorge – aber was heißt das für Menschen, die einfach nur funktionieren müssen?

Veröffentlicht am 5. Februar 2026 um 12:49

Selbstfürsorge ist zu einem Modewort geworden. Ratgeber, soziale Medien und Kampagnen fordern dazu auf, besser auf sich zu achten, Pausen zu machen und Grenzen zu setzen. Doch für viele Menschen klingt das wie ein ferner Luxus. Denn ihr Alltag lässt kaum Raum für Achtsamkeit – er verlangt vor allem eines: funktionieren.

Alleinerziehende, pflegende Angehörige, Menschen mit finanziellen Sorgen oder in belastenden Lebensphasen stehen oft unter dauerhaftem Druck. Sie organisieren, tragen Verantwortung, halten durch. Zeit für sich selbst? Häufig nicht vorhanden. Hilfe annehmen? Für viele mit Scham, Schuldgefühlen oder der Angst verbunden, zur Last zu fallen.Gerade diese Menschen fallen im System oft durch alle Raster. Sie sind nicht krank genug für intensive Behandlungen, aber auch nicht stabil genug, um alles allein zu bewältigen. Nach außen wirkt vieles „noch irgendwie machbar“, innerlich wächst jedoch die Erschöpfung. Warnsignale werden ignoriert, weil der Alltag keine Alternative zulässt.Hier zeigt sich eine Lücke, die in unserer Gesellschaft selten offen angesprochen wird: Unterstützung muss nicht erst beginnen, wenn alles zusammenbricht.

Sie kannund solltefrüher ansetzen.

Niedrigschwellig, alltagsnah und ohne komplizierte Hürden.Lebenswege Niederösterreich Süd setzt genau hier an. Der gemeinnützige Verein begleitet Menschen in herausfordernden Lebenssituationen mit Zeit, Zuhören und praktischer Unterstützung. Im Mittelpunkt steht nicht die schnelle Lösung, sondern der Mensch mit seiner individuellen Geschichte. Oft reicht es, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Sorgen ausgesprochen werden dürfen – ohne Bewertung, ohne Druck.

 

Beispiel aus der Praxis: Eine Frau Mitte fünfzig pflegt seit Jahren einen nahen Angehörigen. Nach außen wirkt sie organisiert und stark, doch innerlich ist sie erschöpft. Sie sagt selbst: „Ich darf nicht zusammenbrechen, sonst bricht alles zusammen.“ Erst im Gespräch wird sichtbar, wie hoch die Belastung tatsächlich ist. Durch begleitende Gespräche, Struktur im Alltag und kleine, realistische Entlastungsschritte kann wieder Luft entstehen – nicht perfekt, aber spürbar.

Solche Prozesse brauchen Zeit. Sie brauchen Vertrauen. Und sie brauchen Menschen, die nicht nur auf Symptome schauen, sondern auf Lebensrealitäten. Lebenswege Niederösterreich Süd arbeitet deshalb bewusst niedrigschwellig, in enger Abstimmung mit Betroffenen und – wenn nötig – auch mit Angehörigen oder Fachstellen.

Selbstfürsorge beginnt nicht immer mit Yoga oder Auszeiten. Manchmal beginnt sie damit, nicht mehr alles allein tragen zu müssen. Mit einem Gespräch. Mit dem Gefühl, gesehen zu werden. Und mit der Erkenntnis, dass Hilfe annehmen kein Zeichen von Schwäche ist, sondern von Verantwortung sich selbst gegenüber.Gerade in einer Zeit, in der Belastungen oft lange unsichtbar bleiben, zeigt sich, wie wichtig Angebote sind, die zwischen Alltag und Krise ansetzen. Unterstützung, die nicht erst greift, wenn alles eskaliert, sondern dann, wenn Menschen beginnen zu zweifeln, ob sie die Anforderungen noch tragen können. Solche Begleitung kann dazu beitragen, Überforderung frühzeitig wahrzunehmen, Stabilität zu erhalten und neue Perspektiven zu eröffnen – leise, respektvoll und nah an der Lebensrealität.

Text: Maria Radinger von Lebenswege