„Manchmal braucht eine Familie jemanden, der einfach bleibt"Erzählt von Doris, Lebenshelferin bei Lebenswege Niederösterreich Süd (Ihr Antrieb für dieses Posting war es, aufzuzeigen, wie wichtig es ist, Kommunikation zu fördern)
Als ich die Familie zum ersten Mal kennenlernte, öffnete mir eine junge Mutter die Tür, deren Augen vieles erzählten – Überforderung, Erschöpfung, aber auch ein kleines Flackern von Hoffnung.
Anna, so nenne ich sie hier, kämpfte seit Jahren mit einer schweren psychischen Belastung. Ihr Alltag war geprägt von inneren Stürmen, die sie kaum in Worte fassen konnte. Sie war nicht allein betroffen.
Auch ihre zehnjährige Tochter Lea zeigte deutliche Anzeichen, dass die Welt für sie oft zu viel war. Rückzug, Angst, nächtliche Unruhe – das kleine Mädchen trug eine Last, die eigentlich viel zu groß für ihre Schultern war.
Ich wusste sofort: Diese beiden brauchen jemanden, der ihnen nicht nur Struktur gibt – sondern Wärme, Verlässlichkeit und das Gefühl, dass sie nicht im Dunkeln stehen.
Der erste Schritt: Vertrauen
In den ersten Wochen setzten wir uns oft einfach gemeinsam in die Küche.
Ich hörte zu. Viel.
Manchmal erzählte Anna von ihren Sorgen, manchmal schwieg sie – und auch das durfte sein.
Lea setzte sich meistens daneben und malte.
Die Bilder waren dunkel, schwer. Doch nach ein paar Besuchen tauchten erste Farbtupfer auf – kleine Sonnen, Blumen, Häuser.„Schau, Doris," sagte sie einmal, „das ist unser Zuhause, wenn Mama wieder lachen kann."
Dieser Satz traf mich tief.
Er war nicht traurig – er war voller Sehnsucht und Hoffnung.Der Alltag wird leichterSchritt für Schritt begannen wir, gemeinsam neue Routinen zu schaffen:
Gemeinsame Spaziergänge, damit Mutter und Tochter wieder ins Leben hinausfanden.
Struktur im Haushalt, damit Ordnung auch im Inneren wachsen konnte.
Kleine Ziele, die Anna das Gefühl gaben, wieder Kontrolle über ihren Tag zu haben.
Stärkende Gespräche, damit sie spürte: Ihre Gefühle sind ernst, aber sie ist ihnen nicht ausgeliefert.Und Lea?
Sie begann, mir während meiner Besuche Geschichten vorzulesen. Ihre Stimme wurde klarer, ihr Blick offener.
Einmal sagte sie: „Wenn du da bist, ist es bei uns ruhiger." Es war einer der schönsten Sätze, die ich je gehört habe.
Der Wendepunkt
Eines Tages kam Anna zur Tür und ich spürte sofort: Heute ist etwas anders.
Sie lächelte – ein echtes, aufrichtiges Lächeln. „Doris," sagte sie, „wir hatten gestern einen guten Tag. Einen wirklich guten."
Für viele Menschen wäre das nur ein kleiner Moment.Für Anna und Lea war es ein Meilenstein.Es war der Beweis, dass Veränderung möglich ist – Schritt für Schritt, manchmal langsam, aber immer in die richtige Richtung.
Heute
Die Familie hat noch Herausforderungen – und sie werden nicht einfach verschwinden.Aber sie sind stärker geworden.
Anna kann ihre Grenzen erkennen, ihre Bedürfnisse aussprechen, und hat gelernt, Hilfe anzunehmen.
Lea lacht wieder häufiger. Ihre Bilder sind bunt geworden.Und ich?
Ich durfte Teil eines Weges sein, der zeigt, was möglich ist, wenn Menschen nicht allein gelassen werden.
Manchmal braucht eine Familie einfach jemanden, der bleibt.
Der zuhört.
Der versteht.
Und der ihnen zeigt: Es gibt immer einen Weg!
Die Zeitspanne vom Erstbesuch bis heute waren 4 Wochen!
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